Entstehungsgeschichte der Lagerhalle

Osnabrück, Anfang der siebziger Jahre, als eine verschlafene Stadt der Mittelmäßigkeit empfanden heimkehrende Studenten ihre Heimatstadt, die von den wilden 68ern und den neuen sozialen Alternativbewegungen scheinbar unberührt geblieben war.

Im Zuge der Jugendzentrumsbewegung in den frühen siebziger Jahren schaffte es dennoch ein Aufruf in die Neue Osnabrücker Zeitung, welcher ein selbst verwaltetes Jugendhaus mit der Zielsetzung forderte, Jugendlichen kreative Freizeitgestaltung ohne Konsumzwang und Kontrolle der Elterngeneration zu ermöglichen. Diese Forderung erreichte schließlich eine Gruppe Menschen, die sich im eigenen Selbstverständnis als Künstler definierten und am Ende des Jahres 1973 eine Bürgerinitiative ins Leben riefen.

Bereits 1972 verlegte die alteingesessene Eisenwarengroßhandlung Rudolph Richter ihr Lager aus dem Herzen der Osnabrücker Altstadt in das Gewerbegebiet Großhandelsring. Damit stand eine „Lagerhalle“ leer, in dem jeder künstlerisch Engagierte die Möglichkeit und den Platz für die Umsetzung seiner kreativen Vorstellungen sah. Es entstand die Vision einer “Keimzelle“ alternativer Stadtentwicklung, in einem bis in dato als künstlerisch unfreundlich eingestuftem Umfeld.

Die zunächst spontanen und ungeregelten Treffen mit ständig wechselnden Teilnehmern entsprachen in ihrer Ausrichtung wohl der Eigendefinition der kulturell ambitionierten Freidenker. Dennoch fehlten erforderliche Realitätsbezüge und die Erfahrung im Umgang mit Erfolg versprechender Projektorganisation. Dies änderte sich jedoch, als das Kulturamt die Planungsgespräche strukturierte und um den mangelnden Pragmatismus ergänzte.

Das letztendliche Konzept wurde nach Abschluss vielfältiger Diskussionen 1974 der Stadtverwaltung Osnabrücks vorgelegt. Es verfolgte dann auch nicht mehr die Gründung eines Jugendzentrums, sondern ein Kreativhaus sollte aufgebaut und entwickelt werden. Im Zentrum dieser Absicht stand der Wunsch, durch ein Angebot von kulturellen Veranstaltungen, Menschen aller sozialer Schichten und Altersgruppen, zum Umgang mit der eigenen Kreativität zu motivieren. Wichtig war den Gründungsmitgliedern dabei der ausdrückliche Verzicht auf eine Konsumorientierung.

Auf Seiten einiger Mitglieder in Stadtrat und Verwaltung fand die Nutzung der leer stehenden Lagerhalle für den Freizeitbereich Zustimmung, sodass verschiedene zuständige Ämter konzeptionelle Ideensammlungen erstellten, um erste Umbaupläne und die damit verbundene Kostenkalkulation abschätzen zu können.

Die Debatte um den städtischen Erwerb dieser Lager-Immobilie war zu diesem Zeitpunkt längst Schauplatz öffentlichen Interesses, welches auch Institutionen, wie z.B. den städtischen Bühnen oder dem Kulturdezernat Anreiz bot, eigene Konzepte zur Nutzung der Lagerhalle vorzulegen. Der Inhaber dieses Hauskomplexes, die Familie Richter, war allerdings bestrebt, eine Umgestaltung des Hauses, die dem Charakter des Heger-Tor-Viertels aus ihrer Sicht schaden würde zu verhindern. Diese Inhaberinteressen zielten besonders gegen die Gründung eines unabhängigen Jugendzentrums.

Im Zuge der zeitnahen Sanierung der Osnabrücker Altstadt und durch die Gestaltung einer Fußgängerzone beklagten sich zunehmend mehr Anwohner über erhebliche Probleme mit dem häufigen Auftreten alkoholisierter Jugendlicher.

Am 23.12.1974 erwarb die Stadt schließlich zum Preis von 465.000 DM das Gebäude. In Zusammenarbeit mit der Bürgerinitiative wurde anschließend ein Besichtigungsfest mit 4500 Teilnehmern durchgeführt, bei dem jeder interessierte Bürger die Lagerhalle kennen lernen und eigene Vorschläge zur Nutzung einreichen konnte.

Einem anschließenden Hearing der Ratsparteien, des Kulturbüros und des, für den Umbau verantwortlichen Architekten in der VHS folgten mehrere Besichtigungen von Kultur- und Kommunikationszentren anderer Städte.

Da die Möglichkeit bestand, das Projekt Lagerhalle im Konjunkturprogramm des Bundes unterzubringen wurde unter massivem Zeitdruck die Planung des Umbaus und der Renovierung vorangetrieben. Mit Erfolg – 600.000 DM wurden als Konjunkturmittel des Bundes zur Verfügung gestellt, sodass im Februar 1976 unter strenger Begutachtung der „Arbeitsgruppe Lagerhalle“ mit dem Umbau begonnen werden konnte.
Die Konjunkturmittel deckten aber nicht sämtliche anfallenden Kosten des Umbaus. Durch die immense Eigeninitiative des, aus juristischer Notwendigkeit gegründeten Lagerhallen Vereins“, konnte die Umbaumaßnahme dann doch erfolgreich beendet werden.

Der am 3. November 1976 geschlossene Vertrag zwischen dem „Verein Lagerhalle“ und dem Kulturamt kann als Kompromiss der beiden Interessensgruppen angesehen werden.
Die Einigung regelt die Übertragung der Trägerschaft an den Verein Lagerhalle e.V., wobei der Leiter des Kulturamtes geborenes Mitglied des Vereins ist und das Kulturamt die Auswahl der hauptamtlichen pädagogischen Mitarbeiter des Vereins genehmigen muss.

Ende gut – alles gut: Nach einer abwechslungsreichen Entwicklung von Konzeptionen zur Nutzung und dem zähen Engagement des Vereins Lagerhalle e.V. konnten Vorstand und Mitarbeiter des Vereins am 12.12.1976 zur Eröffnung des Kultur und Kommunikationszentrums ein volles Haus begrüßen.

Bei dieser geschichtsträchtigen Eröffnung hat wohl noch keiner der Gründungs- Verantwortlichen geahnt, dass ihre Vision von einem

  • vielfältigem Kulturprogramm
  • der Förderung kultureller sowie politischer Bildung
  • und bürgerschaftlichen Engagements

über nunmehr 40 Jahre tragen würde. Mit einem Angebot von ca. 500 sehr unterschiedlichen Veranstaltungen und über 160.000 Besuchern im Jahr sind die Lagerräume des ehemaligen Eisenwarengroßhandels Richter, die jetzige „Osnabrücker Lagerhalle“ zu einer festen Kulturinstitution in Osnabrück geworden.

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